Die Reise | 1. Brief

Lieber Freund,

lange schon wollte ich dir schreiben. Und doch hielt mich immer etwas davon ab. Nicht, dass ich nicht wissen wollte, wie es dir geht und was dir widerfährt, ich schob es nur jeden Tag vor mir her, wissend, dass ich so viel verpasse in deinem Leben. Auch war ich nach deinem letzten Besuch bei uns nachdenklicher geworden und mich überkam fast täglich eine ungekannte Traurigkeit, die ich nicht besser beschreiben kann, als wenn ich sagen würde, dass ich etwas vermisse. Wie sehr ist mir alles einerlei geworden, wie sehr bin ich meines Daseins überdrüssig. Die Frau, die Kinder, mein Leben als Bankier, meine so genannten Freunde und einfach jeder Tag, den ich hier vergeude. Nichts macht mich mehr glücklich. Wie andere in den Schoß der Familie, so zieht es mich in die Ferne. Weitab allem Bekannten und zurück in das, was man Leben nennt. Das, was wir hatten und was du noch heute hast. Wie sehr wünsche ich mir die Zeit zurück, in der wir gemeinsam durch Wald und Wiesen liefen, zusammen die tollsten Abenteuer erlebten und jeden Tag genossen, als gebe es kein Morgen. Ich weiß nicht, ob du mich verstehen kannst oder jetzt kopfschüttelnd über diesem Brief sitzt und dich fragst, von welch Teufel dein alter Freund heute wieder besessen ist.

Aber du weißt nicht, wie es ist, wenn man in dieser Provinz zurückgelassen wird. Hier gibt es nicht viel, was die Menschen antreibt, außer ihren eigenen Problemchen, die weit kleiner sind, als sie es sich selbst eingestehen wollen oder können. Die wenigsten hier sind in der Lage auch nur zu erahnen, was die Welt für sie bereithalten könnte und noch weniger wären bereit sich darauf einzulassen. Sofern sie jemanden finden, und sie finden immer jemanden, der ihnen zuhört, sofern sie etwas zum fressen und saufen und einen Platz zum Schlafen und jemanden zum ficken haben, sofern niemand ihre gewohnte Ruhe stört, sind sie glücklich. Oder denken zumindest, dass sie es wären. Und sie möchten auch nichts anderes, als mit ihren gewohnten und gewöhnlichen Problemchen in ihrer gewohnten und gewöhnlichen Umgebung zu verbleiben. So geht es hier tagein, tagaus und es macht mich krank. Wie ein Geschwür in meinem Kopf wächst der Wunsch, dieses sehr gewöhnliche Leben hinter mir zu lassen.

Und jetzt vermag ich nicht länger zu warten. Seit einigen Wochen schon bereite ich etwas vor, das ich meine Reise zum Glück nenne. Ich spare wo es nur geht und lege jeden Pfennig zur Seite, den ich entbehren kann, um meinem Leben endlich den Sinn zu geben, den es verdient. Der Plan gärt schon länger in mir, aber nun, da auch meine Mutter gestorben ist, sehe ich mich außer Stande, meinem inneren Wunsch zu widerstehen. Mein Vater sagte stets „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und er hatte Recht. Nur ich allein habe es in der Hand, meinem Leben eine entscheidende Wendung zu geben und mich selbst glücklich zu machen. Nicht meine Frau, nicht meine Kinder, nicht mein Leben als Bankier und auch nicht meine so genannten Freunde können das. Nur ich allein. Ich bin es leid, an jedem Morgen zu wissen, was mich am Tage und dem folgenden Abend erwartet. Was auf mich zukommt ist immer gleich. Keine Überraschungen lockern den Tag auf. Nichts Ungeahntes passiert mir. Und kein Zauber der mein Leben erhellt.

Morgen werde ich mich auf den Weg machen. Ich habe eine Droschke bestellt, die mich aus der Stadt bringen soll und dabei ist das wohin weit weniger wichtig, als das wann. Denn das habe ich schon lang genug vor mir her geschoben und ich möchte und kann nicht länger warten. Schon jetzt zittert mein Körper bei dem Gedanken an das vor mir Liegende, lässt das Unbekannte mein Herz vor Vorfreude einen Sprung tun. Und so, wie du mich stets an deinem Leben teilhaben lässt, wenn wir uns sehen oder du mir schreibst, werde auch ich dich darüber informieren, was ich erlebe. Ich bin voller Vorfreude auf das, was mich in Zukunft erwartet. Was die Welt mir zu bieten hat und welche neuen Wege ich finden werde.

Ich werde dir berichten.

Dein Jacub

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